Zurück zu Der Verein „Entdeckendes Lernen e.V.“

Initiatorinnen und Initiatoren

Viele verschiedene Perspektiven sind bei der Gründung des Vereins zusammen gekommen. Was die einzelnen bewegt hat, sich auf dieses Unternehmen einzulassen, haben sie in kurzen Statements beschrieben, die sich beim Klicken auf den Namen öffnen.
Seitdem ist viel passiert. Vor allem beruflich hat es viele Veränderungen und Entwicklungen gegeben. Die biografischen Daten wurden deshalb aktualisiert.

Karin ErnstDr. Karin Ernst
Vorstandsmitglied

früher Lernwerkstatt an der TU Berlin, zwischendurch Dozentin für Neue Medien, dann bei LIFE e.V. Berlin. Entwickelt e-Learning-Angebote im Bereich Naturwissenschaften und Technik, insbesondere im Projekt "eXplorarium" (European eLearning Award 2008 für die "e-mature school"). Hat die verschiedenen Arbeitsschwerpunkte zwischenzeitlich in den "Lernwerkstatt eXplorarium"-Projekten aufeinander bezogen.

Zusammenarbeit mit der U.S.Botschaft und der Leuphana-Universität Lüneburg im eLearning-Projekt "Going Green" / "Teach About US" (Ausgezeichneter Ort im Land der Ideen 2015).

Verantwortlich für die Website und das frühere Projekt "Tulpengarten".


Entdeckendes Lernen und Wie ich dazu gekommen bin...

Vielleicht wegen Försters Pucki, Bettina dem Vespamädel und Herta, der Bordfunkerin. In den 50er Jahren gab es eine Menge interessanter Mädchen, die spannende Sachen machten, nur leider lebten sie im Wald, an der See oder im Internat und ich nicht. Überhaupt lebten sie nur in Büchern. Ich konnte deshalb immer viel zusammendenken und -träumen, aber mir mangelte es an Erfahrung. Lernen fand in Büchern statt und brauchte den Praxistest nicht zu bestehen. Fehler hatten höchstens eine schlechte Note zur Folge.

Im Studium ging es so weiter. Jetzt waren es die Kinder von Barbiana und aus der First Street School in New York und ihre Lehrer, die spannende Sachen machten. Aber selbst so eine Schule aufmachen?

Immerhin – ich begann, neue Seminarformen zu erproben und Konzepte für ein ganz anderes Lehrerstudium zu entwickeln, und die Idee des "forschenden Lernens" nahm Gestalt an.

Viele, die mich kennen, wissen von mir, dass ich einen Workshop zum Offenen Unterricht, den das "Tempelhofer Projekt" in Berlin im Frühjahr 1978 veranstaltet hat, als Schlüsselerlebnis und Tor zu ganz neuen Handlungsmöglichkeiten empfunden habe. Als Erwachsene waren wir aufgefordert, suchend, fragend, experimentierend, kreativ und direkt mit Papier umzugehen und dabei über unser Lernen nachzudenken. Erst, nachdem wir uns ganz auf unsere Erfahrungen eingelassen hatten, war es auch wichtig, zu überlegen, wie Kinder an die Sache herangehen und wie wir sie dabei unterstützen würden.

Aufgrund dieses Erlebnisses entstand schnell die Lernwerkstatt an der TU Berlin und nach und nach eine eigene Vorstellung davon, was Lernen eigentlich ist und wie dabei Handlungen und Denken, Ideen und Verstehen, kindliche Naivität und (er)wachsen(d)e Einsicht zusammen spielen.

Workshops für erwachsene Lernende zum Entdecken, wie ich sie über viele Jahre geleitet habe, helfen, kindliche Erfahrungswelten zu rekonstruieren, oder sie überhaupt erst zu eröffnen. Im Umgang mit konkreten Dingen können Fragen gestellt und Fehler gemacht werden. Wissen wird nicht mehr nur schnell im Kopf bewegt, sondern mit Erfahrungen verbunden, die Bedeutung für einen selbst haben. Erst danach kommt Pädagogik, Didaktik, Methodik ins Spiel. Ich halte solche Lernweisen von Erwachsenen für notwendig, wenn ich auch nicht glaube, dass sie allein dazu beitragen, Unterricht grundlegend zu verändern.

Inzwischen experimentiere ich nicht mehr nur mit konkreten, sondern auch mit virtuellen Lerngegenständen und versuche, das Lernen mit dem und über den Computer ebenfalls zu einem Akt der Entdeckung zu machen. Meine alten und neuen Lernerfahrungen möchte ich gern in den Verein einbringen und zusammen mit anderen daran arbeiten, Lernen immer wieder neu zu begreifen und Wirklichkeit werden zu lassen.

Wilfried MayerWilfried Meyer
Vorstandsmitglied

Grundschule Halmer Weg, Bremen, und Lernwerkstatt "Bremer Westen", Fortbildungen für das LIS;
ehem. Landes-Koordinator "SINUS-Transfer Grundschule", Zusammenarbeit mit dem Universum Science Center, Mitarbeit im EU-Projekt "CLOHE - Moving Toys" und Delegierter bei "Science on Stage".


Meine Erwartungen an den Verein

Nach zwei Jahrzehnten Tätigkeit im Sekundarbereich I und in der Grundschule sowie nach zehn Jahren Arbeit in der Lernwerkstatt stellen sich mir einige Fragen nach den Aufgaben von Schule heute anders und neu.

Weder die Organisation von Schule, noch die dort gelehrten Inhalte oder deren Vermittlungsformen, geschweige denn die Ausbildung der Lehrer entsprechen den heutigen Anforderungen gesellschaftlicher Entwicklung. Diese ist durch eine Fülle von Wissen, mit einer immer kürzeren "Halbwertszeit" sowie durch grundlegende Veränderungen von Kindheit und Jugend gekennzeichnet. Hier liegt ein Widerspruch, der für mich in den letzten Jahren immer spürbarer geworden ist: Das Lernen in der Schule hat mit dem lebenslangen Lernen und mit dem realen Leben immer weniger zu tun.

Gleichzeitig werden die Erwartungen und Ansprüche an die Schule immer größer. Kinder und Lehrer sollen immer mehr leisten - bei gleichbleibenden oder schlechter werdenden Rahmenbedingungen. Hierauf bin ich als Lehrer nicht vorbereitet und auch die offiziellen Fortbildungsangebote sind in diesem Zusammenhang nicht besonders hilfreich. Speziell in Bremen kommt noch dazu, dass in den letzten Jahren sehr wenige junge Lehrer eingestellt worden sind.

Schule und Lernen müssen sich verändern? Aber wie? Wie wird heute gelernt? Wie sollte heute gelernt werden? Welche Inhalte und Anforderungen sind sinnvoll? In meiner Klasse, einer 3. Grundschulklasse, hatte und habe ich eine sehr bunte Palette an Leistungsmöglichkeiten, Fertigkeiten und Fähigkeiten der Kinder. Organisatorisches und der Umgang mit den vielen verschiedenen Bedürfnissen, lassen einen großen Teil der "Lernzeit" schmelzen. Wo bleibt da das eigentliche Lernen? Oder wie kann dieses trotzdem stattfinden?

Wie findet eigentlich Lernen überhaupt statt?

Ich bin inzwischen zu der Erkenntnis gelangt, dass Lernen ein individueller Prozess ist, bei dem Einzelteile und -Erkenntnisse miteinander verbunden werden. Einzelne Lernschritte sind mit unterschiedlichen Begriffen , Situationen, Erfahrungen und Kontexten verbunden, so dass ein individuelles Netzwerk bei jedem Einzelnen entsteht, das ein Leben lang erweitert werden kann. Viele dieser Vernetzungen, glaube ich, sind nicht von außen zu steuern, sondern laufen automatisch ab. Jeder von uns hat einen ganz individuellen Zugang zum Lernstoff und nicht alles ist zur gleichen Zeit für alle gleich bedeutsam. Erreiche ich mit meinem Angebot in der Schule einen großen Teil der Klasse oder aber eher einen kleineren Teil?

Ich möchte Kindern den Zugang zum Lernstoff erleichtern. Dabei taucht natürlich die Frage auf, ob ich überhaupt heute noch in der Lage bin zu entscheiden, welcher Stoff vermittelt werden sollte. Die heute gültigen Lehrpläne lassen zwangsläufig einen erheblichen Handlungsspielraum, weil niemand in der Lage ist, genau und begründet festzulegen, was gelernt werden muss.

Die Kinder sollen ihren eigenen Lernweg kennenlernen, entdeckend lernen und ich möchte sie kompetenter als bisher dabei unterstützen. D.h., ich müsste meinen Unterricht noch offener gestalten, merke aber, dass ich damit oft überfordert bin. Entdeckendes Lernen würde auch schwächeren Kindern den Zugang zum Lernen erleichtern und nicht nur eine "Elite" fördern - womit auch ein sozialer Gedanke in der Schule verankert wäre.

Von der Europäischen Vereinigung zum Entdeckenden Lernen wünsche ich mir den Austausch darüber, was Entdeckendes Lernen eigentlich sein kann und wie ich es im Schulalltag entfalten kann - ohne dabei in die Ecke des Utopisten gedrängt zu werden.

Politisch hat es sicherlich auch etwas mit der Fortführung der Schulreform im Interesse des Kindes zu tun, denn das Gegenteil scheint mir der Fall: Die offizielle Politik reglementiert wieder mehr und mehr den Schulalltag, schafft zum Teil unerträgliche Rahmenbedingungen, möchte gern international vergleichbar und gut sein, will wieder mehr Noten und Kopfnoten einführen und bremst damit den Reformprozess der Grundschule nachhaltig.

In einem Zusammenschluss von Menschen, die die Möglichkeiten Entdeckenden Lernens sehen und so wie ich, auch schon erste Erfahrungen sammeln konnten, sehe ich eine große Chance, sich gewinnbringend über die oben genannten Fragen auszutauschen. Ich sehe darin ein Forum zur Diskussion und auch zur konkreten Weiterentwicklung und Lösung meiner Fragen. Dies bleibe nicht ohne Auswirkungen auf meinen Schulalltag: Vielleicht könnte es gelingen, das eigentliche Lernen mehr in den Mittelpunkt von Schule zu stellen.

Auch in den Lernwerkstätten würde dadurch die Diskussion pädagogischer Fragestellungen wieder neu eröffnet, was die Profilbildung dieser Institutionen unterstützen könnte.

Aus all diesen genannten Gründen bin ich für einen Zusammenschluss von Menschen, die sich vom Entdeckenden Lernen angezogen fühlen.

Brigitta Steffens und Barbara Sanders-MowkaBarbara Sanders-Mowka und Brigitta Steffens Lehrerinnen in Schwarzenbek, bis 2004 Leiterinnen der Lernwerkstatt Ammersbek (geschlossen), Fortbildnerinnen, u.a. für die "Glasgow Methode". Initiatorinnen des Fortbildungsangebots "Moventia pro Schule".


Wir, Barbara Sanders-Mowka und Brigitta Steffens, möchten zusammen mit den Vereinsmitgliedern an folgendem Ziel arbeiten:

Entdeckendes Lernen wird selbstverständlicher Bestandteil schulischer Arbeit

  • Wie gelingt Entdeckendes Lernen in der Schule außerhalb großer Workshops?
  • Wie können wir Entdeckendes Lernen trotz 45-Minuten-Einheiten und Fächergrenzen initiieren?
  • Wer kann zu einer Ideenbörse beitragen, die zum Entdeckenden Lernen in verschiedenen Fächern zu verschiedenen Inhalten anstiftet?

Wir wünschen uns den Verein

  • als Rückendeckung,
  • als Forum für Erfahrungsberichte und
  • als Energiespender.

Dieter Bohn

Ruheständer
langjährige Mitarbeit im "Büffelstübchen" wunderbarer Tagungs-Organisator, engagiert in Schauspiel und Theater.

Verstorben am 19. März 2007. Wir denken gerne an ihn zurück.


ruhestand und entdeckendes lernen

seit dem 1.1.2001 bin ich wegen einer chronischen rheumaerkrankung kein lehrer mehr, sondern ruheständer. obwohl ich gern lehrer war, vermisse ich die schule und die arbeit nicht. jetzt kann ich vieles tun, wozu ich früher keine zeit fand. warum dann noch einen verein "entdeckendes lernen" mitgründen?

ich möchte mit einem stichwortartigen rückblick auf meine berufstätigkeit beginnen:

seit 1979 war ich lehrer an einer kooperativen gesamtschule. junglehrerelan. klassenlehrer und mitwirken am aufbau einer gymnasialen oberstufe. unterricht in allen schulzweigen der sekundarstufe l - hauptschule, realschule und gymnasium - und in der gymnasialen oberstufe. gew-betriebsgruppe und personalrat. politik und friedensbewegung. spaß an der zusammenarbeit mit kindern und jugendlichen. vielfältige projekte mit kollegInnen. aber auch deutliche und fortschreitende verschlechterungen der arbeitssituation an der schule. bei mir auch zunehmende unzufriedenheit wegen fehlender unterrichtsmethodischer kenntnisse und fähigkeiten (frontal mit gelegentlichem gruppenunterricht) und wegen der "zerfledderung" meiner arbeit (stoffvermittlung in vielen lerngruppen, wenig pädagogisches handeln). dann unterricht in einer integrationsklasse der orientierungsstufe. beschäftigung mit verschiedenen formen des "offenen unterrichts". langjährige sehr befriedigende teamarbeit in der orientierungssitufe. fächerübergreifende projekte, freiarbeit, wochenplan u.a.m. tätigkeit in der lehrerlnnenfortbildung im team der lernwerkstatt "büffelstübchen". kennenlernen der lernwerkstättenbewegung.

alles in allem für mich persönlich eine sehr befriedigende zeit, aber eine berufstätigkeit in pädagogischen nischen, denn bildungspolitik, schulorganisation und unterricht entwickelten sich meines erachtens im wesentlichen in eine andere richtung.

  • statt gemeinsames lernen für alle - beibehaltung, z.t. verschärfung der selektion,
  • statt individualisierung des lernens in kleineren gruppen - weiterhin frontalunterricht in großen lerngruppen,
  • statt fächerübergreifender projekte - zementierung des 45-minuten-fachunterrichts,
  • statt selbstbestimmtes entdeckendes lernen - pauken zweifelhafter unterrichtsinhalte,
  • statt individueller beratung und bewertung der schülerinnen – zensurenzeugnisse und kopfnoten,
  • statt lehrerlnnenarbeit in pädagogischen teams - vereinzelung der lehrerInnen in ihren kollegien,
  • statt verkürzung der lehrerlnnenarbeitszeit - verlängerung und intensivierung der arbeitszeit unter inkaufnahme eines zunehmenden burn-out-effektes.

diese liste ließe sich verlängern und differenzieren. zwar existieren regional in- und außerhalb des öffentlichen schulwesens viele schulreformerische vorhaben, die erfolgreich alternativen aufzeigen, aber politisch ist nicht der wille vorhanden, tiefgreifende veränderungen einzuleiten. im gegenteil - alte, längst überholte und in der praxis widerlegte konzepte erfreuen sich "neuer" beliebtheit und werden populistisch propagiert. ich erhoffe mir von einem verein "entdeckendes lernen", dass er einen inhaltlich wichtigen beitrag leisten kann, dieser entwicklung entgegenzutreten.

für mich bündeln sich im "entdeckendes lernen" viele vorstellungen von einer humanen schule, weil dieses lernen bei jedem einzelnen ansetzt und keine fertigen konzepte vermitteln will. für mich bedeutet "entdeckendes lernen", die bedürfnisse und interessen von lehrerInnen, kindern und jugendlichen ernst zu nehmen und zum inhalt von lernprozessen zu machen. ich möchte in einem verein "entdeckendes lernen" mit lehrerinnen zusammenarbeiten, die nach wegen suchen, ihre berufstätigkeit befriedigender zu gestalten.

in den nächsten jahren werden viele lehrerInnen altersbedingt ausscheiden und im vergleich zu den zurückliegenden jahrzehnten viele neue lehrerInnen eingestellt werden (müssen). vielleicht kann ein verein "entdeckendes lernen" hilfreich sein, erfahrene lehrerInnen und neueinsteigerinnen zusammenzubringen. eine gemeinsame auseinandersetzung mit langjähriger berufserfahrung einerseits und ideen aus dem studium und wünschen und erwartungen an die zukünftige berufspraxis andererseits könnte ein schwerpunkt des vereins "entdeckend lernen" im bereich des bildungswesens werden.

für mich waren auch meine erfahrungen als chronisch kranker sehr prägend. dabei habe ich vielfältige einrichtungen des gesundheitswesens (ärzte, krankenhaus, kur u.a.m.) kennengelemt. auch in diesen bereichen sind ausgeprägte hierarchische strukturen festzustellen, die einer sinnvollen beschäftigung mit krankheit und gesundheit, d.h. einem persönlich sehr bedeutsamen lernen, häufig im wege stehen.

deshalb gefällt mir die idee der vereinsgründerlnnen, menschen aus verschiedenen arbeits- und wirkungsbereichen zusammenzubringen. ich erhoffe mir von einem verein "entdeckendes lernen" eine zusammenarbeit mit menschen verschiedener professionen, die ausgehend von der eigenen person gemeinsam entdeckend lernen möchten, um diese erfahrungen in ihren tätigkeitsfeldern professionell umzusetzen.

25.4.2001

Christian FrahmChristian Frahm
Vorstandsmitglied,

bis 2016 Lehrer an der Walter-Gropius-Schule, Berlin, Schulberater f. d. Sachunterricht, Berlin-Neukölln, Fortbildner.

Mitarbeit im Projekt "eXplorarium", erste Notebook-Klasse an einer Grundschule in Berlin, Projektleiter Notebookklassen im Rahmen des eEducation Berlin Masterplans, Mitarbeit in und Leitung verschiedener COMENIUS- / Erasmus+-Projekte, European eLearning Award 2010 für das COMENIUS-Projekt "Natürlich Europa" als "collaborative classroom".


Hallo,

ich bin Christian Frahm und arbeite in Berlin als Lehrer im Grundstufenbereich einer Gesamtschule.

Entdeckendes Lernen hilft mir, die Freude bei meiner Arbeit als Lehrer zu erhalten.

Entdeckendes Lernen heißt, die Lernenden als Individuen ernst zu nehmen und sich zusammen mit ihnen auf vielfältige Lernprozesse einzulassen. So ist Unterricht immer wieder neu und spannend. Man entwickelt als Lehrer Vertrauen in die Stärken der Kinder und erstarrt nicht in routiniertem "Arbeitsbogen-, Abfrage- oder Belehrungsunterricht".

Dabei gibt es noch viel zu tun, um das Arbeitsfeld Schule so umzuformen, dass Entdeckendes Lernen nicht nur an ausgewählten Projekttagen, sondern tagtäglich im Alltag zum Unterrichtsprinzip wird. Davon sind wir an unserer Schule noch weit entfernt.

Hier muss mit Sicherheit auch noch weitere Forschungsarbeit geleistet werden, um herauszufinden, ob und wie auf einem hohen Qualitätsniveau zu allen Themen des Rahmenplans entdeckend gelernt werden kann.

Mein Credo: Wenn Schüler in der Schule in bedeutungsvoller Auseinandersetzung mit der Welt und im Dialog mit anderen Freude am Lernen entwickeln, besitzen sie ein wertvolles Werkzeug für das Leben nach der Schule und haben gute Chancen ihren persönlichen Weg zu finden.

Ich wünsche mir, dass der Verein Entdeckendes Lernen ein Austauschforum für alle diejenigen pädagogisch arbeitenden Menschen wird, die in diesem positiven Sinne mit Lernenden arbeiten wollen.

Micha Haagfrüher Lehrer in der Schule am Rhododendronpark, Bremen, jetzt im Ruhestand,

Mitarbeiter der Grundschulwerkstatt an der Universität Bremen und des Lernlabors "ELISA".


In zwei beruflichen Feldern bin ich in den letzten Jahren vor allem beruflich tätig gewesen: Zum einen unterrichte ich geistig und schwer mehrfach-behinderte SchülerInnen gemeinsam mit SchülerInnen der Regelschulen, einer Beschulungsform, die wir in Bremen "Kooperation" nennen und die sich mittlerweile auf die gesamte Schulzeit, also von Klasse 1 bis 12, von der Primarstufe bis zur Sekundarstufe 2, erstreckt. Dort lernen Kinder und Jugendliche mit sehr unterschiedlichen Entwicklungsvoraussetzungen und Lernständen zusammen an gemeinsamen Themen.

Seit etwa 4 Jahren arbeite ich als abgeordneter Lehrer im studentischen Team der Grundschulwerkstatt der Universität Bremen mit. Dort lautet die selbst gesteckte Aufgabe u.a., einen "Erfahrungs- und Erprobungsraum für offene Lehr- und Lernformen" zu entwickeln, damit künftigen LehrerInnen die zum Öffnen des Unterrichts notwendigen Kompetenzen nicht allein als Wissen vermittelt werden, sondern auch als Erfahrung.

In beiden Feldern gilt es, Lernsituationen öffnen zu lernen, den unterschiedlichen Fragen und Lernwegen der Lernenden Raum zu geben, dabei mit anderen zu kooperieren, Fehler zu machen und aus ihnen zu lernen, ein selbstreguliertes Lernen zu proben und so in eine veränderte Haltung des Unterrichtens hineinzuwachsen... Das gelingt mit wechselndem Erfolg und nicht ohne Widersprüche, aber es geht voran.

Lernbegleitung

1997 bin ich in Bredbeck zum ersten Mal auf einem bundesweiten Lernwerkstättentreffen dabei. Wir arbeiten eine Woche lang entdeckend zum Thema "Balance". Hier begegnet mir ein Begriff, der für mich neu ist, der mich aber sofort gefangen nimmt, denn er fasst, auch wenn er noch nicht gefüllt ist für mich, etwas zusammen, das mich seit langem beschäftigt. Die Frage nämlich: Was geschieht in Momenten, in denen ich Lernenden (Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen) in einer geöffnet(er)en Situation als Lehrer/Anleiter/Moderator begegne, ihnen Raum für eigene Fragen und ihre eigenen Lernwege lassen will und lasse und meine vertraute Rolle als Vermittler von Wissen und Struktur nicht mehr ausreicht oder sogar überhaupt nicht mehr greift? Ich habe bereits (mit SchülerInnen und Studierenden) einige Erfahrung mit solchen Situationen, fühle mich oft sicher darin, klar und präsent, mitunter verlässt mich meine Sicherheit, der "rote Faden" droht mir verloren zu gehen und das eindeutige und verlässliche Gefühl, dass alles gut läuft. Sind alle bei der Sache? Muss ich etwas tun? Und was? Geht es im Moment darum, auf kompetente Weise und geduldig nichts zu tun? Und was heißt dabei kompetent? Wie lasse ich ohne zu stören Raum für die jeweils eigenen Wege und bin dennoch Mut machend und Sicherheit gebend bei den einzelnen und bei der Gruppe?

Lernbegleitung heißt hier, was ich gern näher fassen würde. Auch für die anderen in Bredbeck ist dieser Begriff noch nicht klar gefüllt, es gibt kein strukturiertes Zusammenfassen der Erfahrungen, aber es wird experimentiert damit, und es gibt einen Austausch am Abschlusstag der Woche.

Ein Jahr später treffen wir uns in Kassel zum nächsten Treffen. Wieder steht ein Workshop im Mittelpunkt. Gegen Ende der Woche präsentieren wir uns wechselseitig die Ergebnisse. Tags darauf sind Kinder der nehegelegenen Grundschule eingeladen, unsere erarbeiteten Ergebnisse zu entdecken und damit zu experimentieren. Ihr Besuch wird zu einem Schlüsselerlebnis für mich. Die Workshop-TeilnehmerInnen, also wir, mehrheitlich erfahren in der Arbeit in Lernwerkstätten, sagen den Kindern, wie sie mit unseren Ideen und Ergebnissen umzugehen hätten. "Nein", höre ich, "so musst du das machen!" und ähnliche Sätze, die den Kindern die Möglichkeit nehmen, unbefangen und völlig frei auf das angebotene Material zuzugehen. Nicht wenige von uns halten nicht aus, wenn die Kinder ganz andere Wege probieren, als die von uns vorgesehenen. Offensichtlich fehlt uns da noch manches an Kompetenz in Sachen Lernbegleitung.

Wieder ein Jahr weiter thematisieren wir auf dem Treffen in Calw diese Frage und beschließen, Lernbegleitung als Forschungsfeld fest in unsere jährlichen Treffen zu institutionalisieren. Bisher begleiten die schon seit Jahren Erfahrenen unser Entdeckendes Lernen im Workshop. Künftig sollte möglich sein, dass TeilnehmerInnen wählen können, ob sie in der Woche zum jeweiligen Thema entdecken und forschen möchten, oder ob sie sich (auch als "AnfängerInnen" mit all ihrer möglichen Unsicherheit) beim Begleiten des Entdeckenden Lernens der WorkshopteilnehmerInnen erfahren wollen und mit den anderen (erfahrenen und noch unerfahrenen) LernbegleiterInnen darüber in einem strukturierten Austausch Erfahrungen, offene Fragen und Ergebnisse festhalten, bearbeiten und in den gesamten TeilnehmerInnen-Kreis zurückspiegeln. Zwei Ziele wollten wir dabei im Auge haben: 1. Die LernbegleiterInnen bekommen eine solidarische Rückmeldung auf ihre Begleitung und können sich im Begleiten von Situationen offenen und entdeckenden Lernens in Richtung eines für sie stimmigen Stils der Begleitung weiterentwickeln und 2. können alle gemeinsam Bausteine einer "guten" Lernbegleitung herausfiltern, erforschen, diskutieren und festhalten. Dieses Feld ist, finden wir, erst in Ansätzen bearbeitet.
Vorläufig wartet dieses Vorhaben noch auf seine Umsetzung.

Von einem Zusammenschluss zur Förderung und Weiterentwicklung Entdeckenden Lernens erhoffe und verspreche ich mir vor allem, dass sich der Begriff der "Lernbegleitung" in allen Lern- und Wandlungsprozessen für mich persönlich, aber auch im öffentlichen Diskurs nach und nach weiter strukturiert und füllt. Nicht allein für den Kopf, sondern auch und besonders für mein Handeln. Ich bin gespannt auf einen fruchtbaren Austausch und freue mich darauf.

Ute ZocherDr. Ute Zocher,

langjährige engagierte Mitarbeiterin der Lernwerkstatt an der TU Berlin, dann Wissenschaftliche Assistentin und später Vertretungsprofessorin an der PH Heidelberg für Allgemeine Erziehungswissenschaften und für Gesundheitsförderung.

Lebt als freiberufliche Künstlerin und Wissenschaftlerin in Rom.


Ich habe 1987 die Lernwerkstatt an der Technischen Universität Berlin und damit das Entdeckende Lernen kennengelernt. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich bereits vom Lehramtsstudium verabschiedet, weil mir weder Theorie noch Praxis sinnvoll, fruchtbar und spaßvoll erschienen.

Von Anfang an hatte ich in der Lernwerkstatt nun das Gefühl, dass dieses pädagogische Verständnis nicht nur meinen persönlichen Vorstellungen näher kommt, meine Potenziale fördert und mich auf vielfältige Weise zum Denken anregt, sondern dass damit auch schulisches Lernen und entsprechende Interaktions- und Bildungsprozesse wieder sinnvoll und ansprechend gestaltet werden könnten. In der Zusammenarbeit mit Kolleginnen, Studierenden, Lehrenden, Gesundheitsfachkräften u.a. konnte ich in den letzten 10 Jahren vielfältige Erfahrungen mit dem Ansatz sammeln, die ich im Rahmen meiner Promotion einer intensiven Reflexion unterzog.

In meiner Arbeit an der Pädagogischen Hochschule biete ich den Studierenden Entdeckendes Lernen in vielfältiger Weise an: wir arbeiten Theorien und Konzepte auf, schauen die bildungstheoretische Gesamtlandschaft an, machen Workshops zum Entdeckenden Lernen und suchen den Austausch und die Zusammenarbeit mit Schulen der Region, die sich an einem solchen Ansatz orientieren bzw. sich ihm verbunden fühlen. Entdeckendes Lernen stellt für mich ein umfassendes Lern- und Bildungsverständnis dar, das quer zu den Fächern liegt und dabei hilft, eine Reihe von zusätzlichen Forderungen, die an Schule herangetragen werden (wie z.B. Gesundheitsförderung, Umweltbildung, multikulturelles Lernen etc.) zu integrieren.

Die jahrelangen Erfahrungen mit dem Lern- und Lehrverständnis und entsprechende Reflexionen, haben Entdeckendes Lernen für mich schon fast zu einer professionellen Haltung werden lassen, mit der ich den überwiegenden Teil meiner beruflichen Handlungen und Entscheidungen angehe – oder es zumindest versuche.

In meinen Forschungsarbeiten beschäftige ich mich ebenfalls mit diesem Ansatz, mit seiner Übertragbarkeit in schulische Praxis, mit seinen Bezügen zu anderen Bildungskonzepten und Theorien aus Gesundheit und Therapie.

Ich sehe in der Europäischen Vereinigung zum Entdeckenden Lernen die Chance, die Potenz, die in dem Ansatz Entdeckenden Lernens steckt, weiter zu entwickeln. Entdeckendes Lernen ist m.E. viel mehr, als nur ein Unterrichtskonzept oder ein methodische Herangehensweise – wie es an vielen Stellen in Theorie und Praxis immer noch diskutiert wird. Dazu erscheint es mir wichtig und notwendig, den Kontakt und Austausch mit "Gleichgesinnten" auch in anderen Berufsfeldern zu suchen und zu intensivieren. Ich finde es sehr spannend mich mit Menschen, die in der Pflege tätig sind, über deren pädagogischen Auftrag zu unterhalten. Wie werden hier Lernprozesse für Patienten und Patientinnen organisiert? Wie werden chronische Erkrankungen, Behinderungen mit den Betroffenen bearbeitet? Welche Angebote werden den Betroffenen im Sinne von Lernerfahrungen gemacht? Welche Grundannahmen stützen die Interaktionsprozesse? Kann Entdeckendes Lernen dabei helfen?

Diese Fragestellungen, die Erfahrungen hierzu, die Schwierigkeiten in der Umsetzung entsprechender z.T. bereits entdeckender Lernangebote mit denen zu vergleichen, die ich in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehren und in der Schulpraxis erlebe, erscheint mir sehr gewinnbringend.

Ich hoffe, dass dieser professionsübergreifende Zusammenschluß dazu beiträgt, Entdeckendes Lernen "praktikabler" zu machen, indem wir es besser verstehen lernen, mutiger damit umgehen und es in Theorie und Praxis verankern. Dazu ist mir die Verschränkung von wissenschaftlicher Betrachtung und unmittelbarere Handlungspraxis besonders wichtig.

In diesem Zusammenhang finde ich es spannend, Formen der Begleitung solcher Professionalisierungsprozesse im beruflichen Handlungsfeld zu erproben und als Erfahrungen sichtbar zu machen. Entsprechende Weiterbildungsangebote, Handreichungen und Materialien sollten langfristig für diesen Zusammenhang entwickelt werden.

Sabine ZocherLehrerin für Pflegeberufe und Pflegedienstleitung einer Gerontopsychiatrie, Köln


Meine beruflichen Erfahrungen der letzten Jahre beziehen sich auf die Aus- und Weiterbildung in Pflegeberufen und auf die Führung von Mitarbeitenden in Gesundheitsberufen.

Ich finde am Entdeckenden Lernen besonders spannend, dass dies ein Weg ist, den Anderen wirklich zu verstehen. Dies geschieht, indem ich mich über die Auseinandersetzung mit meinen eigenen Konzepten begreifen lerne. Auf diesem Weg wird versucht, Zugang zur eigenen Haltung zu finden - konkreten Dingen, wie auch abstrakten Themenstellungen gegenüber. Auch in der Pflege von alten, kranken oder verwirrten Menschen geht es in erster Linie um Verstehensprozesse dieser Art und nicht darum, einwandfreie Ratschläge zu geben, richtige von falschen Verhaltensweisen zu differenzieren etc.. Über die Verständigung sollen Lernprozesse initiiert und angebahnt werden, die die Entwicklungsaufgaben klären und bearbeiten helfen.

In einem Workshop zum Entdeckenden Lernen habe ich das Lernverständnis selbst erfahren können:

Zum Phänomen "Farben" habe ich gearbeitet und dabei zunächst gar nicht begriffen, wie wenig ich über Farben wußte und verstanden hatte. Über persönlich entwickelte Forschungsfragen konnte ich meine Annahmen im persönlichen Tempo überprüfen. Hierbei wurden meine Misskonzepte und irrigen Annahmen sichtbar. Diese Konfrontation stellte für mich eine intensive Erfahrung dar. In Experimenten, Gesprächen, Beobachtungen usw. konnte ich diese Konzepte hinterfragen, verändern und erweitern.

Übertragen auf meine Arbeitsfelder in Pflegeberufen wurde mir deutlich, wie wichtig entsprechend der persönliche Hintergrund zu Themenstellungen wie "Gesundheit", "Gesund bleiben", "Krankheit" etc. bei der Pflegekraft sein muss, um überhaupt kranke oder behinderte oder alte Menschen produktiv zu begleiten, denn Lernprozesse führen nur dann zu Verhaltensänderungen, wenn der "Betroffene" sie will. Dies wiederum ist nur dann der Fall, wenn der "Betroffene" sie in seine Deutungs- und Wahrnehmungsmuster einbauen kann. Dazu müssen seine Konzepte und Theorien erst einmal Raum bekommen, sichtbar gemacht und ohne Abwertung oder Zurechtweisung zur Kenntnis genommen werden. An ihnen entlang entwickelt sich der begleitenden Pflegeprozess.

Mich interessiert, inwiefern Entdeckendes Lernen - als Workshopangebote für professionell Pflegende - sie dabei unterstützen kann, ihren eigenen Fragen aktiv nachzugehen, um

1. ein Bewußtsein für das eigene Verständnis und Handeln zu entwickeln,

2. eine andere Gesprächskultur zu fördern, die mehr fragend und dialogisch vorgeht und

3. einen Arbeitsansatz zu kreieren, der das klassische Rollenverständnis in der Pflegesituation, das gegenseitige Mißtrauen und die Bevormundungsstrategien auflöst.

So wie Lehrer sich vielleicht plötzlich fragen, was und wie ihre Schülerinnen und Schüler eigentlich denken, so stellt sich für Pflegende zunehmend die Frage, wie denkt der Patient oder Klient? Wie sieht der chronisch kranke Patient, der psychisch verwirrte, aber physisch intakte alte Mensch seine Gesamtsituation? Welche Ressourcen stehen ihnen zur Verfügung? Wie gehen Angehörigen und Freunde mit der Situation um?

D.h., wie jedes Phänomen, sind auch "Gesundheit" und "Krankheit" höchst komplexe, individuelle Konstrukte. Entdeckendes Lernen stellt ein Lehr- und Begleitungsverständnis dar, dass für professionelle Pflegeprozesse reichhaltige Anregungen bietet und durch die Diskussionen in diesem beruflichen setting bereichert werden kann. Der Austausch mit anderen Professionellen, die sich diesem Konzept verbunden fühlen, interessiert mich auch besonders im Hinblick auf die Umgestaltung organisationeller Rahmenbedingungen bzw. im Hinblick auf die Entwicklung entsprechender Strategien zur Veränderung von Strukturen und festgefahrenen Handlungsabläufen in Institutionen.

Ich sehe in diesem pädagogischen Professionalisierungs- und Entwicklungszusammenhang wichtige Anschlußstellen und Verknüpfungsnotwendigkeiten mit anderen Konzepten wie z.B. mit der Salutogenese, der Pflegetheorie allgemein/Patientenedukation, der Organisationsentwicklung und der Kinästhetik.

Permanentlink zu diesem Beitrag: https://entdeckendes-lernen.de/home/verein/initiatorinnen-und-initiatoren/